Nach dem spektakulären Comeback-Sieg gegen Fortuna Düsseldorf II richtet sich der Blick beim KFC Uerdingen bereits auf die nächste Aufgabe. Trainer Julian Stöhr spricht über die schwierige Anfangsphase gegen die spielstarke Düsseldorfer Reserve, die entscheidenden Momente beim Umschwung der Partie und die Comeback-Qualitäten seiner Mannschaft. Zudem erklärt er, woran sein Team trotz des Erfolgs weiter arbeiten muss – und warum das kommende Auswärtsspiel bei seinem Ex-Klub ETB Schwarz-Weiß Essen für ihn einen besonderen Reiz besitzt.
Frage: Was für ein Spiel! Mit Fortuna Düsseldorf II war eine Mannschaft zu Gast, deren individuelle Qualität sicherlich über dem klassischen Oberliga-Niveau liegt und die nicht ohne Grund mit drei Siegen und ohne Gegentor in die Saison gestartet war. Trotzdem schafft es der KFC, einen Rückstand innerhalb weniger Minuten zu drehen und am Ende die drei Punkte in der Grotenburg zu behalten. Wie bewertest du die Leistung deiner Mannschaft – und welchen Stellenwert hat dieser Sieg für dich angesicht des Gegners?
Julian Stöhr: Die Leistung meiner Mannschaft und insbesondere die Comeback-Qualität war schon enorm. Ich habe bereits vor dem Spiel an die Partie gegen den Bonner SC erinnert und den Jungs gesagt, dass wir auch nach einem Rückschlag zurückkommen können – selbst gegen eine Mannschaft, die sehr, sehr gut besetzt ist und vielleicht sogar über Oberliga-Niveau verfügt, wie du richtig gesagt hast. Dafür braucht es vor allem Mut und ein gutes Zweikampfverhalten.
Mit unserem ersten Torabschluss in der 60. oder 65. Minute kam dann die Initialzündung. Das haben die Jungs sehr, sehr gut ausgenutzt. Ich hatte ihnen vorher auch gesagt, dass wir dafür sorgen müssen, dass Düsseldorf einmal einen Rückschlag erlebt. Sie hatten bis dahin noch kein Gegentor kassiert. Da war die Frage: Wie reagieren sie, wenn sie plötzlich einen Rückschlag hinnehmen müssen? Und wie man gesehen hat, waren sie nach unserem Ausgleich auf einmal komplett unsortiert und kassieren direkt das zweite Gegentor. Genau so hatte ich mir das vorgestellt.
Deswegen bewerte ich die Leistung sehr positiv. Natürlich waren die ersten 50, 55 Minuten nicht so, wie wir uns das spielerisch vorgestellt hatten. Aber am Ende nehmen wir die drei Punkte natürlich sehr gerne mit.
Frage: Über weite Strecken der ersten Stunde war Fortuna die spielbestimmende Mannschaft. Nach ordentlichen ersten zehn Minuten hatte der KFC zunehmend Probleme mit Ballverlusten, fehlendem Zugriff in den Zweikämpfen und kam offensiv kaum zur Entfaltung. Mit der Einwechslung von Daiki Kamo in der 65. Minute veränderte sich die Dynamik dann schlagartig und Wladimir Wagner drehte die Partie mit einem Doppelpack innerhalb von nur zwei Minuten. War Kamos Einwechslung für dich der entscheidende Impuls – oder was hat sich in dieser Phase taktisch beziehungsweise mental verändert, sodass das Spiel am Ende gekippt ist?
Julian Stöhr: Nach den ersten zehn Minuten war Fortuna klar spielbestimmend. Dass wir nicht so viel Ballbesitz haben würden wie sonst, war uns vorher bewusst. Dass wir uns dann aber so tief hinten reindrängen lassen, lag vor allem an uns selbst. Wir hatten auch in der ersten Halbzeit viele Balleroberungen, haben die Bälle anschließend aber viel zu hektisch wieder hergegeben.
Düsseldorf war enorm gut im Gegenpressing, und wir haben in diesen Situationen einfach zu hektisch agiert und falsche Entscheidungen getroffen. Dadurch ist das Spiel immer mehr in Richtung Düsseldorf gekippt, und wir sind viel hinterhergelaufen.
Der entscheidende Impuls war für mich tatsächlich der erste Torabschluss. Ich habe jetzt schon häufiger gehört, dass Daikis Einwechslung den Impuls gegeben hat. Für mich war es aber vor allem dieser Abschluss. Die Jungs haben gemerkt: Wir kommen vors Tor, wir können auch aufs Tor schießen. Direkt danach hatten wir nach einer Ecke die nächste gute Aktion, und spätestens da haben wir gespürt: Jetzt geht etwas. Düsseldorf fing an zu schwimmen, sobald wir sie unter Druck gesetzt haben. Dass wir dann innerhalb kürzester Zeit die beiden Tore machen, ist natürlich umso besser.
Frage: Bei aller Euphorie über den Sieg hat die Partie auch gezeigt, dass Fortuna uns über längere Phasen vor Probleme stellen konnte – insbesondere beim Spielaufbau bzw. durch einige Ballverlusten und beim Zugriff gegen den Ball. Waren hier deiner Meinung nach vor allem individuelle Faktoren oder taktische Faktoren der entscheidende Ausschlag oder die Qualität des Gegners? Und wo siehst du aktuell noch den größten Entwicklungsschritt, den deine Mannschaft machen muss?
Julian Stöhr: Uns ist bewusst, dass gegen einen solchen Gegner nicht immer alles funktionieren kann. Das können wir realistisch einschätzen. Unser Plan ist in den ersten zehn Minuten sowohl mit als auch gegen den Ball gut aufgegangen. Dass sich beide Mannschaften zu Beginn ein Stück weit neutralisieren würden, war uns ebenfalls bewusst. Gerade mit Ball war klar, dass wir nicht sofort zu großen Chancen kommen würden. Aber auch der Gegner hatte in den ersten zehn, 15 Minuten keine wirklichen Torchancen.
Danach waren es leider häufig individuelle Faktoren, vor allem unsere Hektik, die dazu geführt haben, dass wir unseren eigenen Spielrhythmus und unser taktisches Vorgehen mit Ball überhaupt nicht mehr auf den Platz bekommen haben. Wir waren nicht mutig genug, haben die Bälle nicht konsequent gefordert und wollten in manchen Situationen den Ball gar nicht haben. Dadurch konnten wir unseren geplanten Spielaufbau überhaupt nicht umsetzen.
Das haben die Jungs im weiteren Verlauf aber korrigiert und gezeigt, dass es auch anders geht. Und dann hat man gesehen: Wenn wir diese Power und diese Wucht entwickeln, kommen wir auch deutlich besser ins Spiel.
Frage: Am Sonntag wartet mit ETB Schwarz-Weiß Essen direkt die nächste Aufgabe. Die Essener sind eher durchwachsen in die Saison gestartet und konnten erst am vergangenen Wochenende beim 1:0 in Meerbusch ihren ersten Sieg feiern. Was für einen Gegner erwartest du am Uhlenkrug – und was muss deine Mannschaft nach dem intensiven Spiel gegen Fortuna leisten, um auch auswärts die nächsten drei Punkte mitzunehmen?
Julian Stöhr: SW Essen ist ein Ex-Klub von Jan Bachmann und von mir. Ich habe den Jungs nach dem Spiel auch gesagt, dass es schön wäre, wenn wir diese Partie für uns gewinnen könnten. Es ist immer noch einmal etwas Besonderes – auch wenn ich das gar nicht zu groß machen möchte. Aber gegen einen ehemaligen Verein zu spielen, bei dem man noch einige Leute kennt, macht natürlich noch ein bisschen mehr Spaß.
Ich erwarte einen sehr körperlichen Gegner, der enorm viel über die Zweikämpfe kommt. So war es zumindest zuletzt in Meerbusch. Sie hauen sich komplett rein – das ist Ruhrgebietsmentalität pur. Dazu kommt der Uhlenkrug mit einem schönen Ambiente und einem sehr schönen Stadion. Darauf müssen wir einfach Bock haben und uns auf genau so ein Spiel freuen.
Essen ist durch den ersten Sieg jetzt sicherlich ein Stück weit im Aufwind. Aber wir sind ebenfalls im Aufwind und wollen dementsprechend den dritten Dreier in Folge holen. Dann könnten wir schon von einer kleinen Serie sprechen.
Danach geht es gegen Sonsbeck und Meerbusch weiter, aber das ist erst einmal Zukunftsmusik. Jetzt wollen wir zunächst die drei Punkte in Essen holen. Dann hätten wir hoffentlich zwölf Punkte und könnten sagen: Das war ein sehr guter Start.



