30 Jahre „Wunder von Krefeld“

Heute vor genau 30 Jahren schrieb unser Verein im Europapokal der Pokalsieger internationale Fußballgeschichte.
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Am 19. März 1986 war die Grotenburg Schauplatz des deutsch-deutschen Europacupduells zwischen Uerdingen und Dynamo Dresden. Die Sachsen hatten das Hinspiel mit 2:0 gewonnen und lagen im Rückspiel zur Halbzeit bereits mit 3:1 vorne. Vor den letzten 45 Minuten war das Viertelfinale eigentlich bereits entschieden, doch es sollte das „Wunder von Krefeld“ folgen. Die Mannschaft von Trainer Kalli Feldkamp schaffte noch das Unglaubliche und drehte die Partie in der 2. Halbzeit und siegte mit 7:3. Bis heute wird die legendäre Aufholjagd immer wieder thematisiert, wenn es um kuriose Spiele und beispiellose Spielverläufe geht. Zuletzt berichtete die Sport-Bild im Februar über das Spiel, als sie „die 30 größten Sensationen im deutschen Sport“ aufzählte. Das Fußballmagazin "11Freunde" kürte die Partie 2007 zum „größten Fußballspiel aller Zeiten“.

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Zum 30. Jahrestag wollen auch wir noch einmal einen ausführlichen Blick auf das so unvergessliche Spiel werfen:

Durch den Gewinn des DFB-Pokals im Mai 1985 hatte sich Uerdingen erstmals für den Europapokal qualifiziert. Die Pokalsieger starteten seinerzeit noch im „Europapokal der Pokalsieger“ - dem Pendant zum „Europapokal der Landesmeister“. Der damals sehr renommierte Wettbewerb wurde erst 1999 im Rahmen der Erweiterung der Champions League abgeschafft und mit dem UEFA-Pokal zu einem Wettbewerb zusammengelegt.

Uerdingen schaltete in der 1. Runde den maltesischen FC Zurrieq aus und konnte sich in Runde 2 gegen den türkischen Pokalsieger Galatasaray Istanbul durchsetzen. Im Viertelfinale bescherte das Los den damaligen DDR-Vertreter Dynamo Dresden. Im Hinspiel in Dresden unterlagen die Uerdinger mit 0:2 und hatten somit vor dem Rückspiel in Krefeld keine besonders gute Ausgangslage, um das Halbfinale zu erreichen.

Überraschenderweise entschied sich das ZDF damals dafür das deutsch-deutsche Duell live zu übertragen, anstatt der parallel stattfindenden Partie im Landesmeisterwettbewerb zwischen Anderlecht und Bayern München. Damit kam es erstmals zu einem Fernseh-Live-Spiel aus der Krefelder Grotenburg-Kampfbahn. Der Sender sollte seine Entscheidung nicht bereuen.

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Die Ausgangslage vor dem Rückspiel war klar: Würde Dresden ein Tor schießen, müsste Uerdingen mindestens vier Treffer erzielen um weiter zu kommen. Die Uerdinger Taktik war daher darauf ausgerichtet aus einer kompakten Deckung heraus zwei Tore zu schießen, um so wenigstens in die Verlängerung zu kommen.

Bereits nach 55 Sekunden musste diese Taktik dann aber schon über den Haufen geworfen werden. Nach einer Ecke köpfte Ralf Minge völlig unbedrängt aus sechs Metern zum 0:1 für die Gäste ein. Es folgte ein Sturmlauf der Hausherren, der in der 13. Minute durch das 1:1 belohnt wurde. Torschütze war Wolfgang Funkel – ebenfalls per Kopf. Uerdingen versuchte weiter Druck zu machen, lief aber auch immer wieder in die sehr gefährlichen Konter der Dynamos.

Nach 20 Minuten vergaben Wolfgang Schäfer und Friedhelm Funkel ihre guten Möglichkeiten zur Uerdinger Führung. Stattdessen traf der Dresdener Frank Lippmann in der 35. Minute zum 2:1. Nach diesem fast schon vorentscheidenden Tor der Dynamos versetzte Rudi Bommer den Uerdingern mit einem unglücklichen Eigentor zum 1:3 kurz vor dem Ende der 1. Halbzeit auch noch den scheinbar endgültigen K.O..

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Da man mit diesem blamablen Rückstand zur Pause eigentlich bereits ausgeschieden war, machten sich viele der 22.000 Zuschauer bereits mit dem Halbzeitpfiff enttäuscht auf den Heimweg. Auch beim ZDF häuften sich nun die telefonischen Beschwerden, dass der Sender nicht die Bayern übertragen hatte. Unterdessen wurde in der Uerdinger Kabine beim Pausentee nicht viel gesprochen. Auch wenn man sich mit dem Ausscheiden bereits abgefunden hatte, wollten sich die Spieler in der 2. Halbzeit wenigstens noch ordentlich aus dem Europacup verabschieden. Insbesondere durch die drohende Blamage vor dem Millionenpublikum an den Fernsehgeräten packte die Uerdinger noch einmal an der Ehre.

Bei Dresden kam zur 2. Halbzeit der junge Keeper Jens Ramme für den verletzten Torwart Bernd Jakubowski. Die Uerdinger bemühten sich nach dem Wiederanpfiff zwar, quälten sich aber bis zur 58. Minute gegen die gut stehenden Dynamos, ehe Wolfgang Funkel mit einem Foulelfmeter endlich auf 2:3 verkürzen konnte.

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Nun sollte es aber Schlag auf Schlag gehen: In der 65. Minute gelang dem Isländer Larus Gudmundsson der Ausgleich und nur zwei Minuten später drehte Wolfgang Schäfer Partie dem 4:3-Führungstreffer sogar zu Gunsten der Uerdinger. Mit dem Doppelschlag war auch plötzlich die Kulisse wieder voll da und skandierte euphorisch: „Nur noch zwei…!“. Viele Fans, die schon auf dem Heimweg waren, kehrten nun wieder ins Stadion zurück. Der Glaube an ein Wunder war wieder da und die Partie wurde von Minute zu Minute dramatischer.

In der 78. Minute startete der für Franz Raschid ins Spiel gekommene Dietmar Klinger ein unwiderstehliches Solo, das er mit einem Flachschuss zum 5:3 abschloss. Jetzt gab es kein Halten mehr und die Zuschauer rasteten förmlich aus. Zwölf Minuten vor dem Ende fehlte nur noch ein Tor, um die Sensation perfekt zu machen.

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Nur eine Minute später klärte Dynamo-Legende Dixie Dörner mit der Hand auf der Linie und der Schiedsrichter zeigte folgerichtig auf den Punkt. Erneut trat Wolfgang Funkel zum Elfmeter an und hielt dem enormen Druck stand. Funkel behielt einen klaren Kopf und verwandelte sicher ins linke untere Eck zum 6:3. Mit diesem Resultat wäre Uerdingen im Halbfinale. Das Stadion stand Kopf und wildfremde Menschen lagen sich jubelnd in den Armen. Dem Torschützen kullerten einige Freudentränen über die Wange, auch weil die wahnsinnige Belastung mit dem Tor von ihm abfiel.

Hatte man bis gerade die Zeit noch als sehr knapp empfunden, wirkten die verbliebenen elf Spielminuten nun plötzlich wie eine Unendlichkeit. Torhüter Werner Vollack versuchte die Zuschauer zu weiteren Anfeuerungsrufen zu animieren. Er dirigierte regelecht die Massen auf der Tribüne. Ein Tor von Dresden und alles wäre vergebens gewesen. Dynamo warf nun noch einmal alles nach vorne und machte mächtig Druck. Die beste Dresdner Chance in der 85. Minute durch Matthias Döschner fischte der Uerdinger Keeper im letzten Moment mit einem tollen Reflex aus der Ecke.

Mitten in dieser Drangphase leitete Wolfgang Funkel mit einem wuchtigen Kopfball aus dem eigenen Strafraum einen Konter über Wolfgang Schäfer ein. Der Uerdinger Stürmer über lief mit dem Ball die aufgerückte Dynamo-Abwehr und machte die Sensation mit dem 7:3 endgültig perfekt.

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Kurze Zeit später folgte der Abpfiff und keiner konnte in diesem Moment so richtig glauben, was in den vergangenen 45 Minuten passiert war. Auf dem Platz brach ein regelrechtes Chaos aus und es spielten sich unbeschreibliche Jubelszenen ab. ZDF-Reporter Rolf Töpperwien versuchte verzweifelt einen der inzwischen trikotlosen Helden ans Mikrofon zu bekommen. „Oh wie ist das schön“, hallte es minutenlang aus den Kehlen der völlig begeisterten Fans. Nach einer unglaublichen Aufholjagd standen die Uerdinger im Halbfinale des Europapokals. Das „Wunder von Krefeld“ war vollbracht.

Für Dynamo Dresden war es der bis dahin schwärzeste Tag in der Vereinsgeschichte. Doch es sollte für die Dynamo-Verantwortlichen noch schlimmer kommen. In der Nacht gelang es Torjäger Frank Lippmann sich unbemerkt vom Mannschaftsquartier im Hansa-Hotel am Krefelder Hauptbahnhof abzusetzen und mit dem Zug nach Nürnberg zu fliehen. Für den Dresdener Trainer Klaus Sammer, der Lippmann nur auf Drängen des Vorstands mit in den Westen genommen hatte, bedeuteten die Flucht und die Niederlage sogar das Aus seiner Karriere.

Im Halbfinale schieden die Uerdinger dann aber leider gegen Atletico Madrid aus.

Statistik

Uerdingen: Vollack, Herget, Dämgen, W. Funkel, Bommer, F. Funkel, Raschid (52. Klinger), Feilzer, Buttgereit, Gudmundsson (74. Loontiens), Schäfer
Dynamo Dresden: Jakubowski (46. Ramme), Dörner, Trautmann, Döschner, Häfner, Minge, Kirsten, Pilz, Stübner, Sammer (29. Gütschow), Lippmann
Tore: 0:1 Minge (1.), 1:1 W. Funkel (13.), 1:2 Lippmann (35.), 1:3 Eigentor Bommer (42.), 2:3 W. Funkel (58., Foulelfmeter), 3:3 Gudmundsson (63.), 4:3 Schäfer (65.), 5:3 Klinger (78.), 6:3 W. Funkel (79., Handelfmeter), 7:3 Schäfer (86.)
Schiedsrichter: Nemeth (Ungarn) Zuschauer: 22.000

Pressespiegel

N-TV: Als Lippmann einfach "drüben blieb"

11FREUNDE: Wolfgang Funkel über das Wunder von der Grotenburg

ZEIT: Als der Osten im Westen unterging

WZ: Auf einmal fiel der Fernseher aus

EUROSPORT: Kein Tag wie jeder andere

WZ: Das Jahrhundertspiel aus Sicht der Funkel-Brüder

RP: Das Wunder von Uerdingen jährt sich heute zum 30. Mal

WZ: Uerdingens Europacup-Aufholjagd gegen Dresden vor 30 Jahren

EXPRESS: Funkels Premiere – 30 Jahre nach Jahrhundertspiel

BILD: Ramme bekam sogar Morddrohungen!

SPORTBUZZER: Das Spiel, das keiner vergessen kann

Die WELT: 7:3 Harakiri in der Grotenburg

DFB: Das Wunder von der Grotenburg

KREFELD.de: Werner Vollack erinnert sich an das „größte Fußballspiel aller Zeiten"

Die WELT: "Die Ereignisse lassen mich ein Leben lang nicht los"

WZ: Wir lagen uns in den Armen – es war Wahnsinn

WZ: Frank Meyer heult beim dritten Tor für Dresden

WZ: Urplötzlich blickte die Nation auf Krefeld

WZ: So haben wir das Wunder erlebt

Video-Links

SPORT INSIDE: Das Wunder von Uerdingen

YOUTUBE: Das Spiel in ganzer Länge

YOUTUBE: Kommentierte Zusammenfassung

YOUTUBE: ZwWdF-Rückblick auf das Spiel

Veröffentlicht: 19.03.2016

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